Ok

En poursuivant votre navigation sur ce site, vous acceptez l'utilisation de cookies. Ces derniers assurent le bon fonctionnement de nos services. En savoir plus.

03 décembre 2007

VORTRAG ZUR VORSTELLUNG DES BUCHES ``POUR UNE EUROPE EUROPEENNE" Schloß Ebnet, 18. Oktober 2007 Philippe NUSS


0c4b34fb6d37b64aa7ec15ed9ae212ce.jpgSehr geehrter Herr Präsident und werter Gastgeber, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Nach der Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und in den Niederlanden, Entscheidungen die ich mir hier gestatte als dramatisch zu bezeichnen, bieten sich allen Befürwortern Europas zwei Alternativen: Verzweiflung und Verzicht, oder Hoffnung und Vertrauen. Die erste Wahl führt direkt, wie die Erfahrung aus der Geschichte es bezeugt, zu einem fatalen Rückschritt, um nicht zu sagen zur totalen Katastrophe. Die Denkfabrik Forum Carolus hat sich für den zweiten Weg entschieden, den Weg der Hoffnung, des Zukunftsglaubens, und auch der Vernunft.
Das Forum Carolus und sein Präsident, Freiherr Nikolaus von Gayling, laden uns heute ein um die Veröffentlichung “Pour une Europe européenne — Une avant-garde pour sortir de l’impasse” vorzustellen und letztendlich um die Frage des Schicksals Europas zu erörtern. Aber ehe wir uns mit der politischen Zukunft unseres Kontinents beschäftigen, sollten wir uns — müssen wir uns sogar — mit der Vergangenheit befassen. Ein eminenter Europäer, eine Persönlichkeit, die sein ganzes Leben der Sache Europas gewidmet hat, Otto von Habsburg, schreibt, ich zitiere: „Es ist nicht Nostalgie, wenn wir im Laufe der Jahre von Zeit zu Zeit innehalten und zurückblicken. Die Erfahrung lehrt, daß niemand die Zukunft vorhersehen oder planen kann, der nicht die Vergangenheit kennt, also den Boden rekognosziert hat, auf dem er steht. In diesem Sinne ist das Studium der Geschichte ein wesentlicher Beitrag zu guter Politik.” Ende des Zitats.
Darum, gemäß Erzherzog Ottos Aussage, vor dem Übergang zur guten Politik, lassen wir uns heute ein wenig Zeit, in diesem reizvollen Schloß Ebnet, wo die Geschichte allgegenwärtig ist, wo jedes Eckchen ein Flair von Vergangenheit ausstrahlt, um einen kurzen Rückblick in die Geschichte durchzuführen.
Wenn wir die Karte der europäischen Avantgarde näher betrachten, fällt uns ein durchaus interessantes Phänomen auf. Wir bemerken, daß die Länder, die bereit sind, schneller auf den Weg nach einem vereinten Europa sich zu engagieren, beinahe aus den Komponenten des alten karolingischen Reiches bestehen, Norditalien und Niederlande jedoch leider momentan ausgeschlossen. Dieser Umstand, der uns unmittelbar mit dem Frühmittelalter verbindet, darf uns keinesfalls überraschen. Die Geschichte verläuft nämlich nicht nur als eine mühsame lineare Reihe von Ereignissen, — Kriege, Hungersnöte, Revolutionen, Annexionen, Frieden, und so weiter, — sondern stellt eine außergewöhnliche langzeitliche Stabilität unter Beweis. Der histoire événementielle, der Ereignisgeschichte, steht, laut dem großen französischen Historiker Fernand Braudel, der Begriff der longue durée, die in langsamen Rhythmen verlaufenden Geschichte, gegenüber. Und diese geopolitische Stabilität, die sich im gegebenem Falle über eine Zeitspanne von über zwölf Jahrhunderten erstreckt, gehört voll und ganz zu der langsam verlaufenden Geschichte, zu den grundlegensten Strukturen Europas.
Es ist demzufolge auch kaum überraschend, daß sich so viele Menschen hier am Oberrhein für diese Avantgarde einsetzen. Der Oberrhein, zwischen Gallien, Germanien und Italien am Fuße der Alpen gelegen, bildete das Herz des Karolingisches Reiches, ein Herz das unter dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation weit nach Osten, bis nach Prag, Wien, Brünn, Bratislava / Preßburg, Zagreb oder Krakau, sein Schlag spüren zu vermag. Der Oberrhein hat im Frühmittelalter eine eigene Zivilisation entwickelt, deren kulturelle Hauptstädte die glanzvollen Abteien St. Gallen, Reichenau oder Murbach waren. Eine Zivilisation die sowohl nach Westen als nach Osten geöffnet war. Eine Zivilisation, die sich über die Grenze des germanischen und lateinischen Europas ausdehnte. Der Rhein, Hauptschlagader dieser geographischen Entität, wurde von dem staufischen Geschichtsschreiber Otto von Freising, ein Babenberger der in der Nähe von Wien auf die Welt kam, in Paris studierte und im französischen Kloster Morimond starb, die “vis maxima regni”, die höchste Kraft des Reiches, genannt.
Im Laufe der Jahrhunderte spielte der Oberrhein die wichtige Rolle einer Pforte, einer Pforte entweder zum Mitteleuropäischen Raum oder zur Westeuropäischen Welt, je nach dem Standpunkt des Beobachters. Kunst und Wissen blühten am Ufer des Rheins sowohl im Mittelalter als in der Neuzeit. Straßburg, Basel und Freiburg-im-Breisgau, die Hauptstädte des Oberrheins, empfingen deutsche, französische, niederrheinische oder ungarische Humanisten. Vom Oberrhein aus eroberte die Buchdruckkunst die ganze Welt. Auf der Suche nach dem wahren Glauben trafen verschiedene Entwicklungsrichtungen der Reformation aus Böhmen, aus Sachsen und aus der Schweiz, hier zusammen. Zur gleichen Zeit, auf politischer und kultureller Ebene verband uns Vorderösterreicher das erlauchte römisch-katholische Haus Habsburg mit der östlichen Komponente seines Erbguts, Österreich, Ungarn, Böhmen, Kroatien, usw. Noch im 18. Jahrhundert, nach dem Verfall des Heiligen Römischen Reiches, strömten Elsässer und Badener nach Mitteleuropa, in die pannonische Ebene, in das Banat oder in die Batschka, um dort ein neues Leben zu führen unter dem Kollektivnamen von Donauschwaben.
In meinem Beitrag zu dieser Veröffentlichung, habe ich versucht die historischen Beziehungen des Elsaß zu Mitteleuropa, hauptsächlich während des Mittelalters, ein wenig zu skizzieren. Die Wahl dieser Periode hängt nicht nur von meinem eigenen Interesse zur Mediävistik ab, sondern auch von dem Fakt, daß in diesem Geschichtsabschnitt das heutige Europa und die europäische Identität wahrlich im christlichen Abendland entstanden sind. Wie es der Großmeister der französischen Mediävistik Jacques Le Goff erkannt hat, wird das europäische Mittelalter die wichtigste Erbschaft sein, die in Zukunft ein geeintes Europa antreten kann.
Hier in Baden-Württemberg, im Elsaß und in der deutschsprachigen Schweiz, in diesem “europaoffenen” Alemannien, sollten wir uns bewußt sein, daß der Oberrhein das Kernland Europas schlechthin war und bleibt, und darum die Berufung hat, eine leitende Rolle in Europa zu spielen. Laßt uns infolgedessen den Platz einnehmen, den die Geschichte uns zugeteilt hat. Seien wir die Avantgarde der Avantgarde !
 
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Les commentaires sont fermés.